»Wach bleiben!«

Blick zurück: Irgendwann gegen 10 Uhr morgens an einem Sonntag im Juni 2016. Die Erstauflage des KLICK_Festivals war gerade an einem Zirkuszelt an der Saale zu Ende gegangen. Und damit ebenso eine sich über 24 Stunden erstreckende Live-Story von unterschiedlichsten Kulturorten und deren Paten. Diese schöne Geschichte wird nun nach einer kreativen Pause weitergeschrieben. Und wenn man bei der Buchmetapher bleibt: dann wartet im Sommer 2017 nicht der Roman, der an einem Tag und einer Nacht verschlungen werden muss, sondern die prämierte Kurzgeschichtenausgabe, die ein Nickerchen oder den WG-Einkauf dazwischen zulässt. Das KLICK_Festival macht an vier Tagen Station an sieben Orten und durchstreift dabei akustisch-elektronisch-visuell-artistische Welten, deren Superlative nur noch aufgespürt werden müssen. Der Titel dieses Buches heißt ganz schlicht „Wach bleiben!“. Und steht symbolisch genau dafür: Bleibt dran am Geschehen!

Rico Loop alias Rico Dießner ist ein echter Weltmusiker. Ob Kanada oder Japan, Thailand oder Himalaya, Rico Loop war schon da. Seine Eindrücke als unermüdlich Reisender verarbeitet der Berliner in seinen eigenen Songs, oft auch direkt vor Ort, als höchst professioneller Straßenmusiker. Aber was für einer! Der Name Rico Loop deutet es schon an: Dank technischer Unterstützung durch eine Loop-Station singt Rico Loop mehrstimmig mit sich selbst im Chor, er kombiniert Gitarre, Bass und Harmonika, pustet in Glasflaschen oder trommelt auf dem Stuhl. Das alles ständig virtuos aufnehmend und direkt wieder abspielend, bis er den Umfang und die akustische Durchschlagskraft einer ganzen Band erreicht hat. Und wann kann man schon in eine improvisierte Jam-Session mit sich selbst eintreten? Rico Loop kann all das und ist mit seinen unglaublichen Soundcollagen weltweit auf Festivals unterwegs, vom kleinen improvisierten Straßenmusiktreffen bis hin zu Megaveranstaltungen wie der Fusion in Brandenburg oder dem Roskilde Festival in Dänemark.

Driftmachine haben ihren Namen nicht ohne Grund: Ein düsterer­ Kahn aus rätselhaften Maschinen und scheinbar unendlichen Kabelbäumen treibt durch die Nacht und hinterlässt einen mächtigen, nahezu postapokalyptischem Dub im Raum. Die Urheber dieser tranceartigen Klangzustände sind aber absolut von dieser Welt: Der Leipziger Andreas Gerth frickelt seit über 20 Jahren mit den Acher-Brüdern im Tied & Tickled Trio. Und auch Florian Zimmer ist des öfteren dem Weilheimer Klangkosmos um die Notwist-Gründer nicht fern, betreibt aber auch noch das eigene, eigenwillige Bandprojekt Saroos. Zusammen sind Zimmer und Gerth als Drift­maschine unterwegs und frönen auf bislang drei Releases – den LPs „Nocturne“ und „Colliding Contours“ und dem Tape „Eis Heauton“ – der geheimnisvollen, allumfassenden, hypnotischen Kunst der halbelektronischen Klangsynthese. Ihr dunkler, industrieller Dub wird im Trafo von Mika Shkurat unterstützt, der als VJ die passenden Bildwelten beisteuert.

Aufgewachsen am klassischen Klavier und großgeworden am Jazzschlagzeug ist Jan Roth über die Jahre zu einem Musiker mit ganz eigener Stimme gereift: Er pendelt zwischen den Welten, werkelt in den unterschiedlichsten Besetzungen, er komponiert und arrangiert, ist gern gesehener Gast auf diversen Jazzworkshops und macht – sobald es die Zeit zulässt – am liebsten: Nichts. Das Ergebnis dieses traumhaften Müßiggangs sind wunderbar verschrobene, sympathisch-ironische Stücke zwischen Postrock und HipHop, zwischen elektronischem Songwriting und gänzlich freier Musik. Roths erstes akustisches Klavieralbum „Lieder ohne Worte“ – erschienen 2013 bei Sinnbus – war ein cineastisches Kleinod, eine warme, frickelige Liebeserklärung an die Sonnenseite der Melancholie. Momentan arbeitet er an einem zweiten Album für das Berliner Label. Dafür hat er sich diesmal eine Band ins Boot geholt, mit der er auch seine neuen „Lieder ohne Worte“ am 9.6. auf der Probenbühne des Theaters uraufführen wird.

Jan Roth: Klavier | Alexander Binder: Bass | Maximilian Stadtfeld: Schlagzeug | Antonia Hausmann: Posaune/Klarinette | Fritz Moshammer: Trompete/Flügelhorn

Das Glashaus im Paradies – wie geschaffen für Experimente mit dem Blick, dem Sehen und dem Gesehenwerden, aber auch für das Spiel mit der Metapher. Der Ilmenauer Installations­künstler Ambech beherrscht beides. Nach seinem großen Lichtkunstwerk „Vorsehung“, das 2016 im Forum Konkrete Kunst in Erfurt präsentiert wurde, verwandelt er mit [NachSehung] das Jenaer Glashaus in einen vieldeutig funkelnden Seh-Apparat. Die „NachSehung“ als metaphysische Licht-Denkkraft, die Menschen in schwierigen Situationen beisteht, sie führt und aufklärerisch unterstützt, wird hier übersetzt in eine Lichtinstallation, die als Metapher für Einsicht und Reflexion im Blick der Augen steht.
Die Installation offenbart dabei unendlich viele, unterschiedliche Blickwinkel. Ob von fern durch die Bäume des Parks, oder ganz nah: Es lohnt sich, mehrmals zu schauen, kleine Einblicke auszuprobieren und das leuchtende Glashaus zu umrunden. Denn in der Überlagerung von Sehen und Gesehenwerden, im Hier und Jetzt, liegt die mächtige Kraft des eigenen, offenen Blickes auf die Welt verborgen.

Das Jenaer Label Freude am Tanzen lädt stilgerecht zum Empfang in die Villa Rosenthal. Schon beim Schritt durchs Gartentor verändert sich die Welt: Der Lichtkünstler Stefan Damnig (letztjähriger Rosenthal-Stipendiat) hat eine aus Sonnenlicht und beweglichen Scheinwerfern bestehende Lichtinstallation erschaffen, die das gesamte Areal in ein buchstäblich neues Licht setzt. In diesem Ambiente treten drei Musiker auf, die beileibe keine Unbekannten sind.

Allen voran Monolake aka Robert Henke, der seit 1995 mit vielgestaltigen, intimen und gleichzeitig komplexen Kompositionen aus Computersounds, Alltagsgeräuschen und Licht auf der ganzen Welt unterwegs ist. Vielen gilt er als einer der bedeutendsten Klang-Performancekünstler und Mitbegründer der Berliner Clubkultur, der fröhlich zwischen experimentellen Galerien, großen Clubs und weithin bekannten Festivals pendelt. In all seinen Kunstwerken erkundet Monolake die fragile Schönheit technischer Objekte und computergenerierter Prozesse. Dabei nutzt er in seinen Shows jeweils neueste Technologie, vom Surround-Sound über Hochleistungslaser bis hin zu ortsspezifischen Mehrkanal-Installationen. Seine große Affinität zur computergestützten Technik findet sich auch in seiner Rolle als Mitbegründer des Berliner Unternehmens für Musik-Software Ableton wieder.

Monolakes Klangperformance zum KLICK wird von zwei in Jena nicht minder bekannten Kollegen flankiert: Inannia ist DJ und Teil des Ambient Projektes „No Accident in Paradise“ und als Weltreisender in Sachen Klangforschung der Ambientmusik seit 20 Jahren treu. Zudem gehört er ebenso zum Freude am Tanzen Kollektiv wie Monkey Maffia, der ebenfalls in der Villa zu Gast ist. Als langjähriger Mitbetreiber der Werkstätten Freude am Tanzen / Musik Krause und Plattenladengründer (Fatplastics) liebt er die Leuchtkraft der ungehobelten und fiebrigen Tanzmusik in jedem Quadratzentimeter seines Körpers und verbindet als DJ kreative Explosivität mit warmer Tiefe.

BXL composé steht für Brüssel und seine unendlich vielfältigen Kulturen. Der belgische Circus Zonder Handen formt aus diesen unterschiedlichen Einflüssen mit „BXL composé“ eine urbane, multikulturelle Cabaret-Zirkus-Show, in der unter dem Dach des Momolo-Zeltes Brüsseler Jugendliche zusammen mit professionellen Artisten die Vielfalt ihrer Stadt präsentieren. Die unterschiedlichen Aktivitäten des Circus Zonder Handen – Jonglieren, Akrobatik, Luftartistik, Parcours, Freerunning, Chinese Pole, Ropeskipping und Airtrack für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – werden hier zu einem großen, poetischen Kunstwerk verwoben. Der Neue Zirkus als Kunstform hat in Belgien schon seit Jahrzehnten einen hohen Status, und Zonder Handen gelten als einer der absoluten Vorreiter. In ihren Projekten in zahlreichen Stadtvierteln in Brüssel und Umgebung – insbesondere in dem als Problembezirk geltenden Stadtteil Molenbeek – verbinden sie soziale und integrative Ansätze mit der großen, gemeinsamen Idee des Neuen Zirkus.

Wer träumt nicht manchmal von einer akustischen Möblierung? Die Musik-/Theatergruppe Decór Sonore aus der Jenaer Partnerstadt Aubervilliers bei Paris machen diesen Traum seit Jahrzehnten möglich. 1985 begründeten die beiden französischen Avantgarde-Musiker Michel Risse und Pierre Sauvageot dieses Label, um ihre elektronischen und akustischen Klangexperimente aus dem dunklen Studio in die Welt zu holen und dabei auch noch Spaß zu haben. Seitdem nutzen sie in unterschiedlichsten Formationen und Instrumentierungen die Stadt als riesiges Musikinstrument und Bühne zugleich, komponieren Sinfonien aus dem unaufhörlichen Rauschen der Stadt oder verquicken Gesprächsfetzen mit Verkehrslärm. Mit „URBAPHONIX“ führen sie als Streetjockeys das Publikum auf einen Parcours um das Phyletische Museum. Holzbänke, Laternenpfähle, Plastikcontainer, Steinfassaden – alles wird für die fünf Franzosen zum Instrument, und die Stadt verwandelt sich in eine Klanglandschaft. Nach dem optisch akustischen Trip klingt das KLICK stilgerecht am Strand22 aus ...




Eine Veranstaltung von JenaKultur in Kooperation mit MoMoLo Circus und IN´s Netz e.V.

Unterstützung durch:
Glashaus im Paradies e.V., Kassablanca Gleis 1 e.V.,Theaterhaus Jena, Phyletisches Museum, Der Strand22, Stadtmagazin07, LIEBSTÖcKEL.tagesbar und Staatskanzlei Freistaat Thüringen

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JenaKultur Vertreten durch: Jonas Zipf Knebelstraße 10, 07743 Jena Telefon: +49 3641 49-8000 Telefax: +49 3641 49-8005 E-Mail: jenakultur@jena.de Umsatzsteuer-ID: DE150546569

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Peter Mühlfriedel, skop

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Roman Möbius, studio17